Neurodiversity Celebration Week – Zeit für Sichtbarkeit, Ehrlichkeit und radikale Anerkennung
Diese Woche ist Neurodiversity Celebration Week. Und nein – das ist nicht einfach irgendeine symbolische Awareness-Woche mit bunten Grafiken und Buzzwords. Es ist eine Einladung, genauer hinzuschauen. Still zu werden, zuzuhören – und die Perspektive zu wechseln.
Neurodivergenz bedeutet: Das Gehirn arbeitet anders als das, was gesellschaftlich als „normal“ definiert wird. Es geht dabei nicht um „Störungen“, sondern um neurologische Varianten. Ein Spektrum, zu dem ADHS, Autismus, Legasthenie, Dyskalkulie, Tourette und mehr gehören.
Was neurodivergente Menschen erleben, ist oft kein Problem ihrer Persönlichkeit – sondern ein strukturelles. Unsere Gesellschaft ist auf neurotypisches Funktionieren ausgerichtet. Wer davon abweicht, eckt an. Wird übersehen, pathologisiert, kleingehalten oder romantisiert. Aber sehr selten wirklich verstanden.
ADHS ist kein Lifestyle.
Es ist keine Modeerscheinung und keine Ausrede.
Und es ist vor allem keine Krankheit, sondern – je nach Kontext – eine Behinderung.
Eine, die entsteht, wenn Menschen in Strukturen leben müssen, die nicht auf ihre Realität ausgerichtet sind.
Was viele nicht sehen oder verstehen:
Neurodivergenz bringt Symptome mit sich, die extrem anstrengend sein können – nicht nur für das Umfeld, sondern vor allem für die betroffene Person selbst. Und viel zu oft werden genau diese Symptome kritisiert, verurteilt oder falsch eingeordnet:
Zum Beispiel bei ADHS:
• Ständige Reizüberflutung
• Konzentrationsschwierigkeiten trotz hoher Intelligenz
• Impulsives Verhalten
• Schwierigkeiten, den Alltag zu strukturieren
• Vergesslichkeit, Aufschiebeverhalten, emotionale Überforderung
• Gefühl, ständig zu scheitern – obwohl man sich extrem anstrengt
• Hyperfokus auf bestimmte Dinge, während andere komplett ausgeblendet werden
• Müdigkeit und Reizbarkeit durch ständiges Maskieren
Oder bei Autismus:
• Soziale Interaktionen, die extrem anstrengend sind
• Schwierigkeiten, nonverbale Signale richtig zu deuten
• Bedürfnis nach klarer Struktur und Vorhersehbarkeit
• Reizempfindlichkeit (Geräusche, Gerüche, Licht, Berührungen)
• Intensive Spezialinteressen
• Emotionale Überforderung, wenn sich Dinge plötzlich ändern
• Rückzug nach zu viel Input („Social Hangover“)
• Gefühl, in sozialen Kontexten eine Rolle zu spielen – nicht man selbst zu sein
Und ja: viele dieser Symptome wirken nach außen wie „schlechte Eigenschaften“.
„Du bist so unorganisiert.“
„Warum bist du immer so laut/emotional/direkt?“
„Kannst du dich nicht einfach mal zusammenreißen?“
Aber das sind keine Charakterschwächen. Es sind neurologisch bedingte Muster. Und sie brauchen Verständnis, keine Abwertung.
Vor allem FLINTA Personen werden bis heute zu spät oder gar nicht diagnostiziert. Warum? Weil sie gelernt haben zu maskieren. Zu funktionieren. Sich anzupassen. Oft auf Kosten ihrer Gesundheit. Burnout, Depressionen, Angststörungen – das sind keine „Nebenwirkungen“, sondern direkte Folgen von jahrelanger Überanpassung.
Neurodiversity Celebration Week heißt für mich nicht, „super special abilities“ zu feiern oder auf das Positive zu reduzieren. Es geht um Anerkennung. Um Barrierefreiheit. Um faire Chancen. Und um Räume, in denen Menschen nicht permanent gegen sich selbst arbeiten müssen, nur um dazuzugehören.
Wir brauchen kein „funktionier doch einfach besser“.
Wir brauchen ein „Was brauchst du, um sicher, gesund und ganz du zu sein?“
Und vielleicht noch wichtiger: Wir brauchen ein kollektives Umdenken. Weniger Bewertungen, mehr Bewusstsein. Weniger Anpassungsdruck, mehr gegenseitige Fürsorge.
Neurodiversität ist kein Trend. Keine Ausrede. Keine Persönlichkeitsstörung.
Sie ist real, komplex, individuell – und vor allem: sichtbar.
Wenn wir denn endlich anfangen hinzuschauen.